Leseprobe Jahre an der Elbchaussee

Kapitel 2

„So mach ich das leiden!“ Ernst stand auf einmal neben Frieda. Er griente fröhlich und rieb sich die Hände. „Is bannig was los, und gibt an allen Ecken und Enden was zu gucken.“
Er hatte den Satz noch nicht beendet, als einer von Spreckels Männern zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe vor dem Haus hinabhüpfte, mit der Ferse hängen blieb und mächtig ins Straucheln geriet.
„Oha“, sagte Ernst. Es ging alles so schnell, dass Frieda und er nur zusehen konnten, wie dem armen Kerl der Karton Vollmilchschokolade, wie Frieda sofort an der Kennzeichnung erkannte, aus den Händen geschleudert wurde. Spreckels Arbeiter, ein schlaksiger dunkelhaariger junger Mann, ruderte mit den Armen, die Frieda ungewöhnlich lang erschienen. Er fing den Karton auf, knickte beim nächsten Schritt um, stolperte hilflos vorwärts und blieb am Bein einer Kommode hängen, die einer der Möbelpacker gerade auf dem Gehsteig abgestellt hatte. Der Karton mit der Schokolade entwischte ihm nun doch noch, schlitterte über die Kommode und fiel am anderen Ende auf den Boden. Der Deckel riss auf, und die hübsch verpackten Tafeln im schlichten hellblauen Papier rutschten heraus.
„Schiet aber auch!“, schimpfte Spreckels Mann und rieb sich abwechselnd den linken Knöchel und den rechten Ellenbogen.
Frieda wollte schon zu den auf dem Boden verstreuten Schokoladentafeln eilen, als Ernst sie zurückhielt und mit dem Kopf auf zwei Kinder deutete, die wie aus dem Nichts auf dem Gehsteig aufgetaucht waren. Sie hatten struppiges Haar und dreckige Finger, die sie jetzt vorsichtig nach den Tafeln ausstreckten. Ihre glänzenden Augen, weit aufgerissen, waren dabei auf den schlaksigen Arbeiter gerichtet, der den Karton hatte fallen lassen.
„Weg da! Los, macht, dass ihr wechkommt!“, rief der und fuchtelte mit den langen Armen. Die beiden, Bruder und Schwester vielleicht, zogen sich erschrocken hinter einen der Krosanke-Möbelwagen zurück. Noch gaben sie die vermeintlich leichte Beute allerdings nicht verloren.
„Nein, schon gut.“ Frieda überquerte die Deichstraße. Ernst blieb an ihrer Seite, beschleunigte seine Schritte, um zuerst an dem zerrissenen Karton und den ausgekippten Tafeln zu sein. Schon hockte er auf dem Steinboden und klaubte alles zusammen. Er sah zu Frieda auf. Ein winziges Kopfnicken von ihr reichte, und er wusste Bescheid.
„Denn kommt man her, ihr kleinen Schietbüdel“, sagte er freundlich zu den Kindern. Die trauten dem Braten nicht. Anscheinend erwarteten sie eine Tracht Prügel, wenn sie nur nahe genug herankämen. Als Ernst ihnen jedoch zwei Tafeln entgegenstreckte, überlegten sie nicht lange. Wie kleine Eichhörnchen, die sich eine Nuss holten, huschten sie vor und mit ihrem Schatz auf der Stelle davon. Frieda konnte sie gerade noch in die Steintwiete verschwinden sehen.

 

Kapitel 10

Als ihre Reise sich dem Ende näherte, schlug Mary Frieda einen Ausflug zu zweit vor.
„Die Männer haben ohnehin anderes zu tun. Mach mir die Freude, einen der letzten Sommertage gemeinsam am Strand zu verbringen.!“
„Liebend gern, Mary.“ Per wollte in der Niederlassung einiges erledigen, das war viel zu kurz gekommen, wie er sagte. Albert begleitete ihn. Also machten sich Frieda und Mary allein auf den Weg nach Coney Island. Mary hatte einen Wagen bestellt, der sie über den East River brachte. Ihr erster Halt war am Prospect Park.
„Im Herbst findest du hier alle Schattierungen von Gelb, Orange und Rot, die du dir nur vorstellen kannst. Es ist wunderschön.“
„Das ist es jetzt schon“, entgegnete Frieda und schob den Rollstuhl an ausgedehnten Wiesen vorbei und über Alleen zwischen Ahorn- und Tulpenbäumen, Hartriegel, Eichen und Pappeln wieder zurück zum Auto. Alles war in Amerika so viel größer als zu Hause. Sie durchquerten Kensington und Gravesend. Frieda fiel nicht zum ersten Mal auf, dass die Straßen so ganz anders angelegt waren als in Hamburg.
„Daheim ist alles ein bisschen kreuz und quer, hier sehen die Straßen aus, als hätte sie unser Buchhalter Meynecke mit dem Lineal auf Karo-Papier gezeichnet und dann exakt so bauen lassen.“
„Das trifft es ganz gut.“ Mary schmunzelte und erklärte ihr das System von New Yorks Avenues, Boulevards und Streets.
„Unglaublich, was du alles weißt!“
„Kindchen, ich lebe seit vielen Jahren hier.“
„Ich meine, was du noch weißt. Du scheinst nichts zu vergessen, dein Kopf ist so wach.“
„Im Gegensatz zu meinen Beinen, die schlafen gern ein bisschen länger.“ Mary lachte glucksend. „Hast du etwa gedacht, Menschen jenseits der sechzig verlieren automatisch den Verstand?“
„Entschuldige, ich wollte nicht taktlos sein. Es ist nur … Ich musste an Großvater denken. Er war mit zunehmendem Alter immer verwirrter.“
Die beiden schwiegen, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Wilhelm war der Einzige in der Familie, der sich für Mary interessiert hatte. Wahrscheinlich interessierte sie sich darum jetzt für niemand anderen aus der Familie, denn sie kam nicht mehr auf das Thema Carl zurück.
Coney Island war keine Insel, wie der Name vermuten ließ, sondern eine Halbinsel.
„Du wirst sehen, der Strand erinnert ein bisschen an die Ostsee. Naja, so habe ich sie jedenfalls in Erinnerung. Aber vermutlich gleichen sich alle Strände ein wenig.“
„Kennst du denn nicht Dutzende? Du bist doch sicher viel gereist, ich meine, du bist reich, wenn ich das richtig verstanden habe.“ Frieda lachte.
„Kann man wohl sagen. Tja, ich hätte es tun können. Ich weiß selbst nicht genau, warum mir nie der Sinn danach stand. Als Kind war ich einmal in Travemünde. Gönner hatten dem Waisenhaus Geld gespendet, sodass wir diesen Ausflug mit fünfzehn oder zwanzig Kindern machen konnten. Mit einer Übernachtung!“ Ihre Augen strahlten bei der Erinnerung. „Wenn ich Sehnsucht nach Norddeutschland hatte, bin ich immer hierher nach Coney Island gekommen. Allerdings nie in der Hochsaison, da liegen die Menschen wie die Sardinen in der Büchse Leib an Leib im Sand.“ Sie schüttelte sich. „Um diese Jahreszeit geht es schon wieder.“ Sie hatten den Strand erreicht. Jungen in Matrosenanzügen ließen mit ihren Vätern in Knickerbockern Drachen steigen. Familien ließen sich in Kisten, die aussahen wie Strandkörbe auf Rädern, über die Promenade schieben. „Ich glaube, ich hatte immer Angst, dass mir meine Fantasie abhandenkommt, wenn ich verreise“, sagte Mary unvermittelt. „Wenn man alles mit eigenen Augen sehen kann, und sich nicht mehr vorstellen muss, wie es an anderen Orten der Welt aussieht, wie es riecht, sich anhört, dann könnte das passieren, meinst du nicht?“

 

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