Leseproben

Sanddorninsel

»Ach Mensch, wir sind bisher so gut durchgekommen.« Heike seufzte und hatte sofort wieder eine schuldbewusste Miene. Als ob sie etwas dafürkönnte, dass sich der Verkehr auf dem Übergang zur Rügenbrücke staute. Damit musste man in der Hochsaison rechnen. Von der Rückbank kam ein Stöhnen. Rahel, natürlich. Emily, die jüngste von ihnen, hatte wahrscheinlich noch nicht einmal wahrgenommen, dass sie nicht mehr fuhren. Sie schottete sich ab mit ihren großen Kopfhörern auf den Ohren und dem Mobiltelefon, ihrem Schatz, den sie nur selten aus den Augen ließ. Ursula musste über ihre Urenkelin schmunzeln. Sie hatte wirklich gerade eine schwierige Phase. Die hübschen hellblauen Augen umrandete sie mit dicken schwarzen Strichen, in ihrer niedlichen Stupsnase und im Bauchnabel, den sie gern präsentierte, steckten Metallringe. Das hätte Ursula ihr niemals erlaubt, für Rahel war es wohl eine gute Gelegenheit, ihren permanenten Zeitmangel auszugleichen. Emily malte sich ihre Finger- und Fußnägel blau oder neongelb an, ihre Kleidung war eigentlich immer schwarz, und die Jeans hatten Löcher.
»O Mann, Ur-Usch«, hatte sie mal gesagt und mit den Augen gerollt, »das gehört so!«
Die Kleine war in einer Trotzphase, daran gab es keinen Zweifel. Aber musste ihre Mutter sie deshalb manchmal Enemy nennen, Feind? Irgendwie gut, fand Ursula, dass sie nicht so angepasst war. Ein bisschen mehr Rebellion hätte ihrem eigenen Leben auch gutgetan. Und dem ihrer Tochter Heike sowieso, die war eindeutig zu brav und mausgrau.
»Ich werde noch in hundert Jahren nicht verstehen, warum wir unbedingt mit deinem ollen Passat Kombi aus Bad Bevensen starten mussten.« Das betonte Rahel nicht zum ersten Mal an diesem Tag.
»Meinst du, mit deinem flotten BMW wären wir im Stau schneller gewesen?« Ursula drehte sich zu ihr um. Rahel hatte mit ihrer Tochter mehr gemeinsam, als sie sich vermutlich eingestehen würde. Auch sie war blass, ihr Gesicht schmal. Auch sie betonte ihre Augen sehr auffällig, wenngleich eleganter. Ihre Lippen hatten die Farbe von Klatschmohn, der Nagellack passte exakt dazu. Wie schaffte sie es nur, die Farben entsprechend den Anlässen oder vielleicht auch ihrer jeweiligen Stimmung zu wechseln? Und zwar auch die des Lackes! Ursula wäre ihre Zeit dafür zu schade. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht mehr so viel davon hatte wie die anderen in diesem Auto. Jedenfalls, wenn die Natur sich nicht noch mit einer von ihnen einen bösen Witz erlaubte.
Rahel ging nicht auf Ursulas Einwand ein. »Wenn Emily und ich in einem Rutsch gefahren wären, hätten wir uns die Übernachtung in Bad Bevensen sparen können und würden schon am Strand liegen. Oder so.« Wie sie Bad Bevensen betonte. Als wäre es unter ihrer Würde, den Namen einer Ortschaft mit weniger als einer Million Einwohnern überhaupt in den Mund zu nehmen. Dass es immerhin ihr Geburtsort war, hatte sie anscheinend vergessen. Heike hatte sich damals für eine Hausgeburt entschieden, weshalb Bad Bevensen nun eben in Rahels Pass eingetragen war.
»Wir haben Urlaub, Kind, das heißt, wir haben Zeit. Es spielt doch keine Rolle, ob wir eine halbe Stunde eher oder später da sind.« Nach Urlaub sah Rahel keinesfalls aus in ihrem silbergrauen Bleistiftrock und passendem Blazer über der weißen Bluse. Wenigstens hatte sie den ausgezogen. War sonst ja nicht auszuhalten in dem stickigen Auto. »Du weißt bestimmt schon gar nicht mehr, wie Freizeit sich anfühlt, was? Immer nur Arbeit, das ist doch nichts.« Rahel holte hörbar Luft. »Ich freue mich deshalb umso mehr, dass du dir die Tage freigenommen hast, um mit uns nach Rügen zu fahren.« Ursula drehte sich noch einmal kurz nach hinten um und strahlte ihre Enkelin an. Die sichere Methode, Rahel wehrlos zu machen.
»Frei …«, sagte Rahel leise. Es klang wie ein Stöhnen. Kein Wunder, seit Stunden tippte sie auf ihrem Computerdings herum, und ständig schaute sie auf ihre Uhr. Es würde ihr wirklich guttun, mal ein bisschen abzuschalten.

Von der Straße ging es über einen Kiesweg und dann auf die Auffahrt eines alten Hauses im berühmten Stil der Bäderarchitektur. Weiße verschnörkelte Balkone, Säulen. Hier hatte jemand mit viel Liebe und wohl auch nicht wenig Geld ein betagtes Gebäude renoviert und modernisiert. Sehr schön. Ein Stück vom Eingang entfernt stand ein großes Schild:

Villa Sanddorn
Auszeit mit Einsicht – Coaching, Supervision
und Familienaufstellung in den Ferien

Rahel, den Hartschalenkoffer hinter sich herziehend, die Aktentasche unter dem Arm, entdeckte es zuerst.
»Oma Usch, sag bitte, dass das nicht wahr ist!«
Emily kam näher, um zu sehen, worüber ihre Mutter sich schon wieder aufregte. »O nee, ey, auf so’n Psychokram hab ich auch keinen Bock.«
Heike hatte am Auto ein paar Dehnübungen gemacht, jetzt kam sie mit ihrer alten Reisetasche angeschleppt. »Was gibt’s denn Schönes?«
»Nichts Schönes, Mutter, sondern eine Falle.«
Ursula lachte schallend. »Also wirklich, liebe Rahel, du übertreibst. Ich wünsche mir von euch einen gemeinsamen Termin bei dieser Frau Marold zum Geburtstag. Ich zahle ihn sogar selber.« Ursula sah die drei der Reihe nach an. »Wir haben es nötig, meint ihr nicht? Es ist ja fast ein Wunder, dass wir vier alle lebend hier angekommen sind und sich niemand an die Kehle gegangen ist.«
»Was is’n Familienaufstellung?« Emily legte den Kopf schief.
»Das ist eine Therapie für Leute mit total gestörten Beziehungen, bei der andere Leute oder auch irgendwelche Figuren im Raum aufgestellt werden. Durch die Entfernungen zueinander, die Blickrichtungen und was weiß ich noch durchschaut der Therapeut dann im Handumdrehen«, sie schnippte, »wo die Probleme liegen und wie man sie lösen kann.« Ihre Wangenknochen waren angespannt. »Jedenfalls, wenn man dran glaubt.«
»Deshalb wolltest du unbedingt nach Rügen fahren, Mutti?« Heike sah sie betrübt an und schnaufte. »Es wäre wirklich nett gewesen, wenn du vorher mit uns darüber gesprochen hättest.«
»So, jetzt reicht’s!« Rahels Wangen waren beinahe so rot wie ihr Lippenstift. Explosion voraus! »So leid es mir tut, Oma Usch, aber ich lasse mich nicht verar… verschaukeln. Für mich ist so ein Theater nichts. Und darum fahre ich jetzt sofort wieder ab.« Sie betonte jede einzelne Silbe.
»Ach ja, und womit?« Heike triumphierte.
»Mit einem Leihwagen. Den habe ich schneller vor der Nase stehen, als du dir vorstellen kannst. Und ich meine nicht, dass ich nach Hause fahre, sondern ich suche mir ein nettes Hotel, und wir treffen uns dann ab und zu. Nachdem eure Psycho-Räucherstäbchen-Bastmatten-Sitzungen beendet sind.«
»Ich bleib hier«, verkündete Emily.
»Ihr werdet alle hierbleiben!« Ursula war selbst ein bisschen von ihrem Ton überrascht. Den Gesichtern nach zu urteilen, hatte er die Wirkung, die sie sich wünschte. »Ich schlage vor, wir gehen erst mal hinein und sehen uns die Wohnung an, die ich für uns gebucht habe. Ihr habt mich hundertmal gefragt, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Nun wisst ihr es. Geschenke müssen übrigens nicht zwangsläufig dem Schenkenden gefallen. Ein einziger Termin«, wiederholte sie. »Davon abgesehen ist das hier eine ganz normale Ferienunterkunft.« Sie hatte nicht übel Lust, die drei einfach stehen zu lassen, doch da entdeckte sie eine Frau, die gerade über den Hof auf sie zukam. Ursula beschirmte ihre Augen mit der Hand.
»Gottchen, was kommt wohl noch alles auf uns zu?«, flüsterte Rahel.
»Das erfahrt ihr noch früh genug«, antwortete Ursula. Sie freute sich diebisch über die verunsicherten Mienen.

 

Die Villa an der Elbchaussee – die Geschichte einer Schokoladen-Dynastie

Zum Abendessen servierte Henriette den ersten Spargel aus den Marschlanden, dazu Ewerscholle. Das weiße Tischtuch war perfekt gestärkt, das Porzellan glänzte mit dem Tafelsilber um die Wette. Etwas anderes hätte Mutter selbst dann nicht hingenommen, wenn um sie herum alles in Schutt und Asche gelegen hätte.
»Ein kräftiges Stück Fleisch wär mir lieber«, brummte Großvater Carl, nachdem Mutter das Tischgebet gesprochen und allen einen guten Appetit gewünscht hatte. »Ich weiß nicht, warum alle so verrückt nach diesem Spargel sind.«
»Mit zerlassener Butter ist er ein Gedicht«, schwärmte Vater. »Es ist mir ein Rätsel, dass du dich nicht dafür begeistern kannst. Wenn du Rosemarie sehr freundlich bittest, kommt morgen womöglich Stubenküken auf den Tisch. Das gab es lange nicht, was, Röschen?« »Butter und Stubenküken«, murmelte Frieda vor sich hin, »Gertrud Krüger wäre froh, wenn sie Ernst ein solches Willkommensmahl auftischen könnte. Ganz dünn ist er im Krieg geworden«, sagte sie jetzt lauter, um sicherzugehen, dass ihr Großvater auch jedes Wort verstand. Seit einigen Jahren konnte er nicht mehr so gut hören. »Dafür sehe ich ein bisschen schlechter«, pflegte er gern zu scherzen. »Die brauchen keine Butter. Einen ordentlichen Kakao brauchen die«, verkündete er. Frieda lächelte stillvergnügt. Genau diese Reaktion hatte sie sich erhofft.
»Kakao bringt einen Menschen wieder auf die Beine«, begann Großvater, »sogar den, der durch Krankheit oder durch ungeschickte Arznei der promovierten Quacksalber und graduierten Idioten entkräftet ist.«
»Du hast so recht, Großpapa. Sollten wir den Krügers dann nicht etwas von unserer guten Trinkschokolade bringen? Jetzt, wo doch Ernst wieder aus dem Krieg da ist?« Sie sah ein fröhliches Blitzen in den Augen ihres Vaters.
»Ja, davon sollten sie etwas haben«, stimmte Carl zu. »Damit kommen sie wieder zu Kräften.«
»Ich habe dir vorhin schon gesagt, dass du zu spendabel bist, mein Herz«, mahnte Rosemarie.
»Wir kennen Ernst, seit er auf der Welt ist«, entgegnete Vater sanft.
»Zwei Dosen unserer guten Schokoladenflocken stürzen uns nicht ins Verderben. Komm mich morgen in meinem Kontor besuchen, Sternchen. Ich denke, Gertrud wird sich freuen, wenn du ihr das Geschenk machst.« Frieda strahlte, ihre Mutter köpfte mit sparsamem Blick eine Stange Spargel, enthielt sich aber eines weiteren Kommentars. Großvater Carl schien vergessen zu haben, dass er dem Gemüse aus den Marschlanden nichts abgewinnen konnte, und ließ sich von Henriette eine weitere Portion auflegen. Auf dem Kaminsims tickte die Uhr aus Nussbaum, und von der langen Wand gegenüber den Fenstern blickte Friedas Urgroßvater Theodor Carl streng aus seinem goldenen Rahmen. Er hatte Hannemann & Tietz Import von Kolonialwaren mit einem Kompagnon gegründet und beim Großen Brand 1842, als halb Hamburg in Flammen auf- gegangen war, irgendetwas Bedeutendes vollbracht. Viel mehr wusste Frieda nicht von ihm.

Kapitel 2

Es war ein warmer Mai-Tag. Obwohl noch früh am Morgen, hatte die Sonne bereits erstaunlich viel Kraft. Ungewöhnlich für Hamburger Verhältnisse. Eilig ließ Frieda das schlichte Wohn- und Kontorhaus in der Deichstraße hinter sich. Es war nicht nur recht warm für die Jahreszeit, auch hatte es lange nicht geregnet, sodass das Wasser im Nikolaifleet fiel und einen dunklen Rand an den Mauerwerken hinterließ. Nicht mehr lang, und die ersten schweren Holzpfähle, auf denen die meisten der mehrgeschossigen Speicher und Kontorgebäude im schlammigen Grund standen, würden zu sehen sein. Dann hätten es selbst die Schuten schwer, im Niedrigwasser zu manövrieren. Doch so weit würde es kaum kommen. Wenn in Hamburg auf eines Verlass war, dann auf den Regen. Wurde wirklich Zeit, es begann bereits modrig zu riechen. Sie ließ den Hopfenmarkt hinter sich, bog in den Großen Burstah ein und erreichte schnell das Rathaus mit der Börse. Welch ein Un- terschied zu dem Treiben auf dem Markt. Dort waren Not und Mangel deutlich zu sehen, hier schien die hanseatische Welt noch in Ordnung. Männer in Anzügen und mit Hüten auf den Köpfen eilten hinein und hinaus. Damen in langen Roben mit gerüschten Sonnenschirmchen flanierten über den Rathausplatz in Richtung Jungfernstieg und Alster. Frieda blickte zu den Türmen des neu erbauten Rathauses hinauf. Ein echtes Märchenschloss! Zwar war der Turm längst nicht so hoch wie der von St. Nikolai, doch mit seinen vielen Spitzen und Schnörkeln, mit den unzähligen Figuren und geschwungenen Simsen sah es aus, als könne dort nur ein König zu Hause sein. Wenige Schritte hinter dem großzügigen Platz bog sie rechts in die Bergstraße ein. Vater hatte schon oft davon gesprochen, das Haus dort aufzugeben. In diesen Zeiten musste auch er klug mit dem Geld umgehen, und die Deichstraße war wahrlich groß genug zum Wohnen und als Kontor. Dennoch konnte er sich nicht von dem schlichten roten Backsteinbau mit abgerundetem Giebel trennen. Es war sein Elternhaus, dort war er aufgewachsen. Nein, so bald würde er sich wohl nicht zum Verkauf entschließen, schon deshalb nicht, weil es Großvater Carl das Herz brechen würde. Außerdem bekäme er in diesen Tagen schwerlich auch nur annähernd das, was das Haus wert war. Lieber wenig dafür bekommen als noch dafür bezahlen, ging ihr durch den Kopf. Erst kürzlich war die Haustür zu Bruch gegangen, als irgendjemand versucht hatte, sich Zugang zu verschaffen. Aber was wusste sie schon? Ihr Vater würde schon das Richtige tun. Frieda trat ein. Es roch nach Staub und Papier.

»Einen guten Morgen, Fräulein Hannemann«, schallte es ihr entgegen. Sie grüßte die Handlungsgehilfen freundlich zurück, ehe sie die Treppe in den ersten Stock hinauflief, wo ihr Vater sein Kontor hatte. Sie klopfte an, die andere Hand bereits an der Klinke. Kaum dass sie die Stimme ihres Vaters hörte, öffnete sie und stieß beinahe mit Ernst zusammen.
»Hoppla!« Frieda strahlte ihn an.
Er machte einen Satz zurück. »Entschuldigung, wie ungeschickt von mir.« Was war nur mit ihm los? Früher hätte er sie damit aufgezogen, wie tüffelig sie war. Oder er hätte abgewartet, in welche Richtung sie ausweichen wollte, um ihr erneut in den Weg zu treten und einen Zusammenstoß zu provozieren. Bestimmt war es die Anwesenheit ihres Vaters, die ihn hemmte.
»Soll ich wieder gehen?«
»Nein, Sternchen, bleib nur hier. Vielleicht hört dieser Sturkopf auf dich.« Er deutete auf Ernst, der jetzt stocksteif vor dem Fenster stand und seine schirmlose Mütze knetete. »Stell dir vor, er hat mich tatsächlich gebeten, ihn wieder als Laufburschen in Stellung zu nehmen.«
»Ich brauche nun mal Arbeit. Und zwar sofort.«
»Das verstehe ich doch.« Ihr Vater seufzte. Die beiden tauschten ihre Argumente anscheinend nicht zum ersten Mal aus. »Du willst Geld verdienen, damit deine Mutter nicht länger im Hafen schuften muss. Wer würde das nicht verstehen? Bist ein feiner junger Mann, Ernst, das bist du wirklich.« Ernst starrte auf seine Schuhspitzen. Sie sahen aus, als hätte er sie heute früh noch schnell mit Spucke poliert, um einen guten Eindruck zu machen. »Und ich bleibe dabei: Kräftige junge Männer mit einer schnellen Auffassungsgabe, wie du sie hast, werden überall gebraucht. Du wirst bald sechzehn, ein gutes Alter, um in die Lehre zu gehen. Als Schuhmacher, Drucker oder meinetwegen auch als Buchbinder.« Frieda sah von einem zum anderen. Warum konnte Ernst nicht bei Vater in die Lehre gehen? Doch sie schwieg besser, sonst würde ihr Vater das nur wieder falsch verstehen und annehmen, dass sie nicht an die Rückkehr ihres Bruders Hans glaubte. »Als Arbeiter kannst du mehr verdienen. Du willst doch nicht dein ganzes Leben Laufbursche oder ungelernter Helfer sein«, fuhr ihr Vater fort.
»Als Arbeiter kann ich mehr verdienen?« Ernsts Augen funkelten. »Aber nur, wenn ich nicht gerade arbeitslos bin und mich in die Schlange stellen darf, um nach Almosen zu betteln. Oder bei einem Streik oder einem Aufstand totgeprügelt werde. Nee, schönen Dank.« Sein Blick streifte Frieda, die ihn entsetzt anstarrte. So hatte er noch nie geredet. »’tschuldigung«, stammelte er, »aber ist doch wahr. Meine Mutter hat mir erzählt, was hier los war und noch immer los ist. Das ist bald schlimmer als der Krieg selbst.«
»Na, na«, machte ihr Vater halbherzig.
»Ist ’n starkes Stück«, sagte Ernst leise, »ich hab mitgekriegt, wie einige Kameraden Post von zu Hause bekommen haben. Alles in bester Ordnung, hieß das immer. Uns geht’s prächtig. Von wegen!« Er schüttelte traurig den Kopf.
Albert Hannemann nickte bedächtig. »Hast schon recht, Junge, solche Briefe hat Rosemarie unserem Hans auch geschrieben. Dass die Moral an der Front bloß nicht leidet.« Er seufzte. »Wer weiß, ob ihn überhaupt einer erreicht hat.«
Eine Weile schwiegen die Männer. Von draußen drangen das Klappern der Pferdehufe, das Klingeln der Straßenbahn und hin und wieder auch das Hupen eines Automobils zu ihnen hinauf. Sonst war im Kontor nur das Ticken der drei Uhren zu hören, die über einer langen Nußbaumanrichte hingen. Eine zeigte die Zeit in Hamburg an, eine zweite die in Kamerun, dem Land, aus dem die größte Menge Roh-Kakao importiert wurde. Die dritte Uhr war auf New Yorker Zeit eingestellt, wo ein Bruder von Großvater Carl ein Geschäft gegründet hatte.
»Sei es drum, ich nehme dich gerne, Ernst. Ich weiß, du bist zu gebrauchen, dich kann man schicken. So, und nun muss ich mich auf den Weg in den Brook machen. Ich dachte, diese Kakao-Wirtschaftsstelle wäre eine gute Idee.« Er stöhnte vernehmlich. Als er Ernsts fragenden Blick bemerkte, erklärte er in wenigen Worten, dass erst vor einigen Tagen sowohl Fabrikanten als auch Importeure diese Stelle zusammen mit der Reichsbank und den Ministern in Berlin gegründet hatten. Ein verzweifelter Versuch, für gemeinsame Interessen und gegen die Schwierigkeiten, wie gestiegene Zölle, hohe Preise und die Zuckerknappheit, zu kämpfen. »Ach, das weißt du auch noch nicht.« Er lachte trocken. »Ich bin inzwischen beides, Importeur und Fabrikant. Lass dir das von meiner Tochter erzählen, sie liebt die Manufaktur. Und sie hat ein Händchen für köstliche Rezepturen, muss ich gestehen.«
»Diese Wirtschaftsstelle«, hakte Ernst nach, »Sie sagten, Sie dachten, das wäre eine gute Idee. Ist es denn nicht so? Klingt doch ziemlich vernünftig.«
»Ja, schon, aber vor allem ist es erst einmal eine Menge Arbeit und Zeit. Ich bin Kaufmann, Ernst, ich will handeln. Im Ministerium und in der Reichszuckerstelle wird nur debattiert. Jetzt muss ich aber wirklich.« Damit erhob er sich hinter seinem schweren Schreibtisch. »Willst du dafür sorgen, dass meine Tochter wohlbehalten nach Hause kommt?«
»Selbstverständlich, Herr Hannemann.«

Eine Minute später standen Frieda und er auf der Bergstraße. »An unseren alten Treffpunkt brauchen wir wohl nicht mehr zu gehen«, meinte Ernst, nachdem er die zwei Dosen Schokoladenflocken, die Albert Hannemann ihm geschenkt hatte, in die kleine Krügersche Wohnung im Keller gebracht hatte. »Wohin dann? Zum Jungfernstieg? Oder willst du sofort nach Hause?«
»Auf keinen Fall! Ich will alles über Afrika wissen.«
»Und ich über eure geheimnisvolle Manufaktur.« Endlich blitzten seine Augen wieder.
»Lass uns zur Speicherstadt gehen. Ich war schon so lange nicht mehr da. Mir scheint, sie wächst unaufhörlich.«
»Immerhin in dieser Hinsicht hast du dich nicht verändert. Gott sei Dank«, sagte er. Wie eigenartig er sie dabei ansah.
»In welcher Hinsicht habe ich mich denn verändert?«, fragte sie, während sie den Fischmarkt überquerten. Aber er zuckte nur mit den Schultern. Was sollte sie damit anfangen? Schweigend gingen sie die Brandstwiete weiter, bis sie schließlich den Zollkanal erreichten. Welch ein Anblick! Jedes Mal, wenn sie hier war, raubte er ihr den Atem. Vor ihr erhob sich auf den Brookinseln eine Festung aus rotem Backstein. Seite an Seite standen die mächtigen Speicher wie eine einzige Wand. Durch die Gesimse und Friese in symmetrische Ab- schnitte aufgeteilt, hatten sie eine Schönheit und Eleganz, die von den Ornamenten aus grün und gelb glasiertem Stein noch unterstrichen wurden. Frieda legte den Kopf in den Nacken, um ganz nach oben sehen zu können, wo die Giebel, die die Seilwinden schützten, sich von dem blauen Himmel abhoben. Einige der Luken waren geöffnet, an dicken Tauen wurden Säcke und Kisten in die Lagerräume der Geschosse gehievt. Hinter den großen Fenstern der unteren Stockwerke arbeiteten Kaufleute und ihre Handlungsgehilfen, darüber stapelte sich die Ware, die sie aus aller Welt kauften und wiederum in die ganze Welt verkauften. Möwen zogen kreischend ihre Runden und schauten, ob es nicht etwas zu stibitzen gab. Männer schrien Kommandos, Pferde, vor beladene Karren gespannt, wieherten ungeduldig, das Wasser gluckste und plätscherte, wenn ein Kahn vorüberglitt. Frieda musste schlucken. Auch wenn sie von hier aus nur einige Fähren sehen konnte, die kreuz und quer flitzten, und die Masten der großen Segelschiffe weiter hinten im Hafen, spürte sie doch deutlich, dass vor ihr die Freiheit begann. Nur ein Stückchen die Elbe hinauf, dann war man in Cuxhaven und damit an der Nordsee. Oft hatte sie stundenlang Vaters Atlas studiert und sich vorgestellt, wie es sein mochte, auf einem Schiff unterwegs zu sein. Nach England war es nicht weit, mit ausreichend Proviant könnte man sogar bis nach Grönland fahren. Was für ein Abenteuer, das ewige Eis. Doch ihr würde schon England genügen. Sie dachte an Stonehenge, an James Cook. Hatte er nicht einige der Länder erkundet, aus denen ihr Vater Kakao importierte?
»Bist du hier angewachsen, oder wie?« Ernst stand mit verschränkten Armen vor ihr und schien sie schon eine ganze Weile zu beobachten.
»Was? Ach so, nein, lass uns weitergehen.« Sie überquerten die Kornhausbrücke. Über allem lag der eigentümliche Geruch des Hafens, eine Mischung aus leicht fauligem Wasser, Kaffee, Gewürzen und Pferdemist.
An einem Mäuerchen am Ende der Brücke blieb Ernst erneut stehen. »Jetzt erzähl schon. Was hat es mit dieser Schokoladenmanufaktur auf sich?« Frieda legte eine Hand auf die Ziegel. Die Sonne hatte den Stein aufgewärmt. Kurzerhand stützte sie sich auf, holte Schwung und saß mit einem Satz auf der Mauer. »Deine Mutter wird sich freuen«, stellte Ernst mit einem breiten Grinsen fest.
»Sie regt sich doch ständig über irgendetwas auf«, entgegnete sie schulterzuckend und klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich. Er zögerte, dann sprang auch er hinauf, wobei er einigen Abstand zu ihr hielt. Was hatte er vorhin gesagt? In einer Hinsicht hätte sie sich nicht verändert. Dabei war er es doch, der sich verändert hatte. Sie schob den Gedanken beiseite. »Die Manufaktur«, begann sie, »Hannemanns feine Hamburger Schokolade. Mein Vater hatte die Idee schon früher, als Schokolade nicht mehr nur für die reichen Leute war. Warum sollen wir uns von Sprengel, Stollwerck und Hachez die Preise diktieren lassen, meinte er, wenn der Markt gerade mit Roh-Kakao geflutet wird? Ist doch besser, wir verarbeiten einen Teil der Bohnen selbst und verdienen mehr daran als durch den reinen Verkauf. So hat er sich das vorgestellt.«
»Nur dass im Krieg nix mehr in Hamburg ankam. Höchstens über Umwege. Von einer Kakaoflut kann im Moment wohl kaum die Rede sein.«
»Stimmt.« Sie blinzelte. »Ich glaube, der Gedanke, eine eigene Schokolade anzubieten, hat ihm einfach zu gut gefallen.« Sie lachte. »Außerdem dachten alle, der Krieg sei vorbei, ehe man Labskaus sagen kann.«
»Schön wär’s gewesen.« Er ließ die Beine baumeln, seine Hacken schlugen abwechselnd gegen die Mauer. »Da hättest du in aller Ruhe Labskaus mit Rote Bete und Matjes sagen können, und der Krieg wär trotzdem noch nicht vorbei gewesen.«

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