Probe gefällig?

Counter

 

 

• Zum Lesen »

---

 

• Zum Hören »

"Die Bernsteinsammlerin" gibt es auch als Hörbuch, inzwischen auch "Die Bernsteinheilerin".

 

 

 

Rügensommer

 

"Dann wollen wir mal", murmelte sie, zupfte die kurzen blond gesträhnten Haare vor dem Spiegel zurecht und zog ihre Lippen nach. Sie schnappte sich eine Flasche Champagner, die sie in der großen Umhängetasche parat hatte, ging zur Tür ihrer direkten Nachbarn und klingelte. Keine zwei Atemzüge später ging die Tür auf, als hätte der Bewohner schon dahinter gelauert. Deike sah an dem großen Mann mit dem blonden, schon etwas schütteren Haar herunter. Er trug ein verwaschenes Shirt, das einmal kräftig blau gewesen sein mochte, eine schlabberige Trainingshose und derbe Wollsocken. Ein hinterwäldlerischer Inselschlumpf, wie er im Buche steht!

"Hallo, ich bin Deike und wohne jetzt hier." Sie setzte ihr schönstes Lächeln auf.

"Moin!" Er sah sie aus ernsten grauen Augen an. Wenn man mal von dem ausgeblichenen Shirt und den aus der Form geratenen Beinkleidern absah, war der Typ eigentlich ganz attraktiv.

"Also, genau genommen wohne ich noch nicht hier, sondern bin gerade im Begriff einzuziehen." Ihr Lächeln wurde zu einem umwerfenden Strahlen. "Ich habe ein kleines Begrüßungsgeschenk mitgebracht." Sie wedelte mit dem Schampus. "Und ich wollte sie um den winzigen Gefallen bitten, mir eben beim Ausladen zu helfen", flötete sie und deutete auf den Kastenwagen, der direkt vor dem Grundstück stand. Diese Masche hatte in Berlin und Frankfurt wunderbar funktioniert. Warum sollte das hier anders sein? "Es ist nicht viel, der Rest kommt mit einem Umzugsunternehmen nach."

Der Mann ignorierte die ausgestreckte Hand mit der teuren Flasche. "Das passt mir eigentlich gar nicht", knurrte er und blickte unsicher hinter sich, als ob dort gleich eine keifende Ehefrau auftauchen könnte. Oder vielleicht wohnte er noch mit seinen Eltern zusammen, unter deren Pantoffel er stand.

"Okay, wenn es nicht viel ist, packe ich kurz mit an. Ich ziehe mich nur eben um." Damit schloss er die Tür vor Deikes Nase. Völlig perplex stellte sie den Champagner neben einem Blumenkübel ab und ging zum Auto.

 

Die Braut des Pelzhändlers

 

Am vierten Tag von Bilke von Rantelns Reise nach Riga zogen schwere Wetter auf. Düstere Wolken türmten sich vor einem gelblichen Himmel, der auf die Lübecker Kaufmannstochter bedrohlich wirkte. Schon seit der Nacht hatte der Wind beständig zugenommen und sich schließlich zu einem gewaltigen Sturm entwickelt. Bilke wusste, dass sie besser in ihrer Kabine geblieben wäre. Doch bei allem Komfort und aller Behaglichkeit, die der kleine Raum in dem Kastell bot, einem Aufbau am Heck der mächtigen Kogge, wie man ihn seit geraumer Zeit baute, konnte er sie doch nicht mit frischer Luft versorgen. Stickig war es und finster, da es nicht einmal ein kleines Fenster gab. Sie hatte Sorge, dass sie sich würde erbrechen müssen, und war an Deck gekommen. Besser, an der Reling festgeklammert würgen, als womöglich den Inhalt ihres Magens auf dem hölzernen Boden ihrer Kabine wiederzufinden. Obwohl sie gute Vorräte an Schollen und Rindfleisch mit sich führten, gab es an diesem Tag nur Zwieback und Butter. Das Herdfeuer war gelöscht worden, als der Sturm immer mehr an Kraft zugelegt hatte, damit nicht womöglich ein Brand entstünde. Bilke war es gerade recht. Appetit hatte sie ohnehin keinen. Schon der harte Zwieback lag ihr schwer im Magen. Aber ihr Vater hatte ihr vor ihrer ersten Seereise aufgetragen, auch dann zu essen, wenn ihr nicht danach zumute war, weil es ihr dann bessergehen würde, als wenn sie mit leerem Magen das Schwanken und Rollen, das Heben, Senken und Kippen des Schiffes auszuhalten versuchte.

...

In der Ferne entdeckte sie dann doch ein Schiff. Wie es aussah, hatte der Sturm die lübsche Flotte weit auseinandergetrieben. Für einen kurzen Moment verschwand das ungute Gefühl, das sich breitgemacht hatte, seit Bilke begriffen hatte, dass die anderen Schiffe fort waren. Doch die Erleichterung dauerte nicht lange an. Nein, dieser schlanke Dreimaster gehörte gewiss nicht zu ihrem Verband. An ihn hätte sie sich erinnern können. Sie war auf der Stelle in höchstem Maße angespannt und gleichermaßen fasziniert. Elegant trotzte das Schiff der schweren See und kam in erstaunlichem Tempo auf sie zu. Die hellen Segel schienen vor den schwarzen Wolken wie aus eigener Kraft zu strahlen. Bilke blickte angestrengt in die Richtung des fremden Seglers. Immer wieder musste sie einen Schritt bald zu dieser, bald zu jener Seite machen, um nicht ihr Gleichgewicht zu verlieren.

"Gehen Sie in Ihre Unterkunft", rief der Bootsmann, der soeben an ihrer Seite aufgetaucht war. Jetzt entdeckte auch er das schlanke Schiff. "Die Sandeimer!", schrie er im nächsten Augenblick. Bilke erschrak. Herrschte eben schon wegen des schlechten Wetters und der tobenden See Unruhe unter der Mannschaft, steigerte sich diese jetzt zu nahezu panischer Betriebsamkeit. Die Männer brüllten Kommandos, schleppten Eimer heran und begannen, Sand auf die hölzernen Planken der Kogge zu schütten. Hier und da schwappte eine Welle über die stellenweise mannshohe Reling, so dass die Seeleute die Eimer gleich wieder füllen und erneut auskippen mussten. Sie wusste, was das bedeutet. Ihr Vater war oft genug mit seiner Ware auf der Ostsee unterwegs gewesen und hatte davon berichtet. Der Sand sollte verhindern, dass das Schiff in Flammen aufging, wenn es zum Gefecht kam, und er sollte den Männern mehr Halt auf dem nassen Holz geben. Sie begriff schlagartig, dass der schnittige Dreimaster, der direkt auf sie zuhielt, ein Piratenschiff sein musste. Ihr stockte der Atem. Die Übelkeit, die sie vollkommen vergessen hatte, kehrte unvermittelt zurück. Schon war das Schiff heran. Bilke musste sich in ihrer Kammer verbergen. Als sie es wagte, die Reling loszulassen, konnte sie die Männer an Bord des feindlichen Seglers bereits erkennen. Einer von ihnen hisste eine blutrote Flagge.

 

Die Bernsteinheilerin

 

Johanna tobte vor Wut und Enttäuschung. Sie schlug ungeduldig eine lange Strähne ihres Haares aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten gelöst hatte und sie nun ständig an der Oberlippe kitzelte.

"Ein einziger Tag", schimpfte sie. "Hätten die nicht einen Tag später kommen und Vincent mitnehmen können? Dann wäre ich weg gewesen. Dann hätten sie eben einen Bernsteinschnitzer in Stellung nehmen müssen."

"Ich bitte Sie, Johanna, reden Sie doch nicht so. Sollten Sie sich nicht wünschen, dass die ihn gar nicht abgeholt hätten?" Marcus Runge sah sie vorwurfsvoll an. Er hatte ihnen einen Tee gemacht, mit dem sie nun in seiner bescheidenen Stube saßen. Obwohl er es sich hätte leisten können, verzichtete er auf kostbare Teppiche oder teure Möbel. Sie saßen auf dem alten Sofa seiner Eltern, das längst in die Jahre gekommen war. Es gab einen kleinen Tisch, die Teekanne war bereits angeschlagen, und auch eine Tasse hatte einen Sprung, doch derartige Kleinigkeiten schien Marcus nicht zu bemerken. Meist war er viel zu sehr damit beschäftigt, die alten Bücher, darunter Folianten und Aufzeichnungen, zu studieren, die in großer Zahl die einfachen Regale ringsum an den Wänden füllten. Er las alte Rezepte, machte sich über die Heilmethoden der alten Ägypter und Griechen kundig und probierte eigene Rezepturen aus.

"Aber sie haben ihn nun einmal abgeholt. Der fromme Wunsch würde mir nichts nützen."

"Sicher kommt alles recht bald in Ordnung, und dann können Sie nach Lübeck fahren", versuchte er sie zum wiederholten Male zu beschwichtigen.

"Recht bald", schnaubte sie. "Wann soll das sein?" Sie hielt ihre linke Hand hoch, in der bei ihrer ersten Begegnung das Messer gesteckt hatte, Zeigefinger und Daumen nur einen Hauch voneinander entfernt. "So nah habe ich meine Abreise vor mir gesehen. So nah ...Und jetzt?" Sie ließ die Hände enttäuscht in den Schoß sinken.

"Sie könnten Ihren Onkel doch gar nicht im Stich lassen, Johanna. Das mag ich nicht glauben. Sie würden bleiben und ihm helfen, auch wenn er Sie gehen ließe."

"Warum sollte ich wohl?", fuhr sie ihn an. "Er hat mir doch oft genug bescheinigt, dass ich nichts kann, zu nichts nutze bin in seiner Werkstatt. Wieso sollte ich ihm jetzt eine Hilfe sein?" Böse starrte sie vor sich hin. Sie war wütend darüber, dass Marcus recht hatte. Natürlich würde sie jetzt nicht gehen, selbst wenn es ihr freigestellt wäre. Obwohl sie tatsächlich nicht wusste, ob ihre Arbeit ihrem Onkel in irgendeiner Weise nützlich sein konnte. "Ich verfluche den Bernstein!", sagte sie finster. "Er hat mein ganzes Leben verdorben."

 

Dünenmond

 

Jo stand unter der Dusche und ließ sich lauwarmes Wasser über die erhitzte Haut laufen, das ihr fast kühl erschien. Zurück im Hotel hatte sie von ihrem Fenster aus noch ein wenig dem kleinen Mann mit der Lederhaut dabei zugesehen, wie er Strandkörbe vor nächtlichen Besuchern gesichert hatte. Dann war sie unter die Dusche geschlüpft. Sie liebte ihren Job, aber diese Freiheit, völlig selbstbestimmt ohne das Diktat der Uhr den Tag zu verbringen, hatte ihre ganz eigene Qualität. Noch immer nagte ein wenig die Enttäuschung an ihr, den Eismann nicht getroffen zu haben. Morgen war ja auch noch ein Tag. Jos gute Laune überwog mit Abstand.

Aus Leibeskräften sang sie gegen das Rauschen des Wassers auf ihrem Kopf und das Prasseln der Tropfen an der Duschwand an: "I don't want to talk about things we've gone through." Ihr fielen die nächsten Zeilen nicht ein. Also summte sie weiter, ohne Worte zwar, aber mit immer mehr Gefühl. Die Duschkabine wurde zu ihrer Bühne. Dann fiel ihr der Refrain ein: "The winner takes it all", schmetterte sie in den Wasserschwall. Den Duschkopf wie ein Mikrofon vor den Lippen, stieß sie in einer übermütigen Geste die Glastür auf.

Vor ihr stand der Eismann.

"Entschuldigung", murmelte er. "Ich habe gerufen, aber Sie konnten mich wohl nicht hören."

Josefine griff hinter sich, um das Wasser abzustellen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Ihre Nacktheit war ihr nicht halb so peinlich wie ihre Gesangsdarbietung mit Duschkopf.

"Was machen Sie denn hier?", fragte sie.

"Arbeiten."

"Hier im Hotel?"

"Sieht fast so aus." Er grinste hilflos und gleichzeitig amüsiert.

"Haben Sie denn einen Zwillingsbruder?"

"Nein, wieso?"

"Ich denke, Sie sind Eisverkäufer."

"Stimmt, aber davon allein kann ich nicht leben. Noch nicht."

Sie standen einander gegenüber. Josefine tropfend in der Dusche, er in einem blauen Overall, unter dem er anscheinend dasselbe ärmellose Shirt trug, das er neulich am Strand angehabt hatte. Während sie schwiegen, wurde Jo die Situation bewusst, in der sie sich befand. Ihm schienen die gleichen Gedanken durch den Kopf zu gehen.

"Oh, Entschuldigung, soll ich mich umdrehen?", fragte er.

"Das fällt Ihnen ein bisschen spät ein", antwortete sie. "Aber Sie könnten mir ein Handtuch geben."

Sie mussten lachen.

 

 

Die Bernsteinsammlerin


Prolog
3. Juni 1583. Ein kräftiger Wind fegte von Osten her auf die Küste des Samlandes zu. Auf der See tanzten Schaumkronen. Die Sonne hatte schon ungewöhnlich viel Kraft für diese Jahreszeit. Sie wärmte die Männer angenehm, die bis zur Hüfte im kalten Wasser der Ostsee standen und ihre Netze an langen Stöcken durch die Fluten führten. Es war ideales Wetter zum Bernsteinfischen. Der Wind ließ die Weizenfelder unter dem intensiv blauen Himmel auf und nieder wogen wie ein zweites Meer, dessen Wellen aus Halmen niemals den Strand erreichen konnten. Rote Mohnblüten und blaue Kornblumen leuchteten hier und da auf. Möwen flogen ein paar Meter und ließen sich dann von den Böen tragen. Die dicken Taue an den beiden Galgen sausten durch die Luft und knallten wie Peitschen.
Wieder und wieder schlugen sie laut gegen das massive Holz. Die Galgen dienten nicht etwa nur der Abschreckung, sie wurden ohne großes Zögern genutzt, wenn einer sich ohne Pass an den Strand vor Königsberg w agte. Oder schlimmer noch, wenn einer Bernstein sammelte und für sich behielt, um zum eigenen Vorteil Handel damit zu treiben. Der wurde an Ort und Stelle aufgeknüpft.


Nikolaus stolperte voran. Es war kein gutes Vorwärtskommen in dem weichen Sand mit den schweren nassen Stiefeln an den Füßen. Als wäre der Teufel leibhaftig hinter ihm her, blickte er sich immer wieder um, rannte dabei weiter und strauchelte mehr als einmal, ja, wäre sogar fast gefallen. Doch es gelang ihm, sich mit den Armen rudernd zu fangen. Wieder ein Blick zurück. Noch konnte er die Männer mit ihren Netzen sehen und den kleinen Holzverschlag, in dem sie die Steine lagerten, die sie dem Meer abgerungen hatten. Genau wie sie hatte auch er eben noch im Wasser gestanden, sein Netz langsam darin bewegt und die gefundenen Brocken zusammen mit Algen und allerlei Unrat in den Beutel gestopft, den er über der Schulter trug. War der endlich ausreichend gefüllt, stapfte man an Land, hieb den Stock des Siebes kräftig in den Sand, so dass er dort steckenblieb, und lud die Fracht aus dem Beutel in den kleinen Unterstand. So hatte auch Nikolaus es gemacht. Stunde um Stunde. O ja, er hatte sehr wohl einen Pass, um die samländische Küste betreten zu dürfen. Er durfte das Gold der Ostsee auch fischen oder sammeln. Er musste es sogar, denn es war die Pflicht der Küstenbewohner. Dafür bekamen sie Salz, das für die Vorratshaltung unerlässlich war und sich gut verkaufen ließ.
Wie so viele andere lebte Nikolaus vom Fischen und Sammeln des Bernsteins.
Nur behalten durfte er keinen noch so kleinen Splitter. Auf Unterschlagung stand der Tod. Nikolaus fürchtete den Tod. Er fürchtete die Danziger Kaufmannsfamilie, die vom Staat als Generalpächter der preußischen Strände eingesetzt war, und deren Häscher. Er war kein Held und riskierte sein Leben gewiss nicht leichten Herzens. Aber war das überhaupt ein Leben, was er und seine Familie hatten? Arm und elend und herumkommandiert von anderen. Wie die meisten Männer, die täglich die Strände absuchten oder Bernstein aus dem Wasser holten, hatte er bisher nur sehr kleine Exemplare »versehentlich « in seinen Stiefel fallen lassen. Alle paar Tage mal einen Stein – das war ein überschaubares Risiko. Ansonsten war er stets gehorsam gewesen und unauffällig, führte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern ein bescheidenes Leben und hätte nie auch nur daran gedacht, sich gegen den Staat aufzulehnen – bis zu dem Moment, als er diesen dunklen rötlich braunen Bernstein aus seinem Sieb fischte. Ein Stück von solcher Größe hatte Wert, das wusste er. Oft ging einem so ein Fang nicht ins Netz. An einer Stelle war die dünne Kruste abgeplatzt, und aus der Tiefe des geheimnisvollen Edelsteins blickte Nikolaus ein bronzefarben schimmerndes Auge an. Gebannt starrte er auf den Klumpen in seiner Hand.

»Heda, bist du etwa versteinert?«, rief einer der Fischer. Die anderen schauten nun auch zu Nikolaus herüber. Er musste ein sehr verwirrtes Gesicht gemacht haben, denn sie lachten ihn aus.
»Ausruhen kannst du später bei deinem Weib! Spute dich!«, riefen sie gegen den tosenden Sturm.


Nikolaus hatte den Bernstein mit dem Einschluss rasch in seinen Lederbeutel gleiten lassen. Kurz danach war er aus dem Wasser gewatet, voller Aufregung und mit dem Gefühl, das Auge könne ihn durch das Leder anstarren. Allein in dem windschiefen Holzverschlag, wo schon der Ertrag des Tages auf kleinen Haufen lag, wagte er es, seinen Fund eingehend zu betrachten. Kein Zweifel, der Kopf einer Eidechse war vor Tausenden von Jahren, in einer Urzeit, die Nikolaus sich nicht vorzustellen vermochte, in diesen Stein geraten. Jede Schuppe konnte er erkennen, die Struktur der Haut des Reptils war bis ins kleinste Detail erhalten. Selbst die Zungenspitze, die einmal blitzschnell Insekten gefangen hatte, war sichtbar. Wie schon so oft war Nikolaus fasziniert. Die Eidechse sah aus, als hätte sie gestern noch gelebt, als wäre sie soeben erst den Baum hinaufgehuscht. Wie nur war es möglich, dass ein Tier von einem Edelstein gefangen wurde? In dem engen Lagerraum war es stickig.
Die Sonne brannte auf das Dach herunter. Nikolaus begann zu schwitzen. Er strich sich eine Strähne seines roten Haares aus dem Gesicht. Das Auge des Tieres war erhaben und glänzte metallisch wie der Kopf eines Nagels. Nikolaus hätte nicht einmal sagen können, in welche Richtung das Tier geschaut hatte, als es in die tödliche Falle gegangen war. Trotzdem hatte dieses Auge etwas Lebendiges, etwas, das ihn vollkommen in seinen Bann schlug.
Wie viel von diesem Tier mag ans Tageslicht kommen, wenn der Bernstein erst geschliffen ist?, fragte sich Nikolaus. Vielleicht war das der Moment, in dem er beschloss, diesen Brocken nicht ordnungsgemäß abzuliefern. Er selbst wollte derjenige sein, der die glanzlose Kruste vollständig entfernte, der den Stein so lange schliff und polierte, bis das eingeschlossene Tier vollends zum Vorschein kam. In Königsberg war die Verarbeitung des Ostsee-Goldes verboten. Bernsteindreherzünfte gab es in Lübeck, Brügge oder eben Danzig. So hatte Nikolaus die Bearbeitung des weichen Materials nie gelernt. Er hatte nur selbst immer wieder ein paar Versuche gemacht, bis er eine recht ordentliche Fingerfertigkeit erlangt hatte.
Während er jetzt den festen Sandweg erreichte, auf dem er schneller vorankam, fragte er sich, was nur in ihn gefahren war. Wenn er schon ein so kostbares Stück unterschlagen musste, warum hatte er es dann nicht wie sonst auch in den Schaft seines Stiefels gleiten lassen? Warum hatte er nicht weitergearbeitet und war dann, zusammen mit den anderen Männern, ganz ruhig nach Hause gegangen? Aber nein, vollkommen kopflos machte er sich aus dem Staub. Es würde nicht lange dauern, bis die Strandreiter, die sicherstellten, dass nur Pass-Inhaber nach Bernstein suchten, auf ihn aufmerksam wurden. Nikolaus blinzelte gegen den Schweiß an, der ihm brennend in die Augen lief. Er schmeckte das Salz auf seinen Lippen und bemerkte, wie durstig er war. Je länger er darüber nachdachte, desto wütender wurde er wegen seines törichten Verhaltens.
Einen Bernstein von dieser Größe, in dem auch noch eine Eidechse eingeschlossen war, konnte er schwerlich einfach auf dem Markt anbieten. Kleine gewöhnliche Exemplare wurde man immer unter der Hand los, oder man verbrauchte sie eben selbst, um daraus heilsames Pulver zu machen oder sie anstelle teurer anderer Stoffe zu verbrennen. Doch diesen Klumpen mit seinem kostbaren Bewohner zu versilbern war für Nikolaus, der weder reiche Leute noch Halunken kannte, nahezu unmöglich. Es knisterte und knackte in den Weizenfeldern zu seiner Linken und Rechten. Nikolaus sah sich um, versuchte gegen das grelle Licht Gestalten auszumachen, aber niemand schien in der Nähe zu sein. Es war der Wind, der die Halme wispern ließ. Fast wäre er über einen Ast gestolpert, der quer auf dem Weg lag. Keuchend vor Anstrengung, Aufregung und Hitze, verlangsamte er seine Schritte. Bis zu seiner Hütte war es nicht mehr weit. Er wusste nicht, was er mit seinem Fund anstellen sollte. Er wusste nur, dass er ihn in Sicherheit bringen, sich dann eine glaubhafte Erklärung für sein höchst merkwürdiges Fortlaufen einfallen und möglichst viel Zeit vergehen lassen musste, ehe er den Bernstein wieder zur Hand nehmen konnte. Endlich sah er das einfache kleine Haus, in dem er mit seiner Familie lebte. Er wurde wieder schneller. Da erkannte er eine Gestalt vor dem Häuschen. Es war seine Frau, die sich gerade anschickte, zum Strand zu gehen. Es war üblich, dass Frauen und manchmal auch die Kinder dabei halfen, den Bernstein einzusammeln. Sie lasen ihn vom Strand auf oder leerten die Netze der Männer und gaben darauf acht, dass sich im Tang kein Stein verbarg, den man womöglich wieder ins Meer werfen könnte. Hastig stolperte Nikolaus auf sie zu. Sie blieb stehen, als sie ihn sah, und wich sogar einen Schritt zurück, erschrocken über seine Anwesenheit um diese frühe Stunde und über seinen Anblick – glühend rote Wangen, Haarsträhnen, die im Gesicht klebten, und fast fiebrig glänzende Augen. Dann war er bei ihr.

»Ich habe eine große Dummheit begangen, Frau, aber ich konnte nicht anders.« Er zog den Bernstein unter seinem zerschlissenen Hemd hervor und hielt ihn ihr entgegen. Sie gab keinen Laut von sich, schlug sich nur die zur Faust geballte Hand vor den Mund. Natürlich war ihr klar, was das bedeutete.
»Es ist ein magischer Stein, Frau. Die Eidechse hat mich verzaubert.«
Schnell lauter werdender Hufschlag kündigte das Unheil an, das über Nikolaus’ Familie kommen würde. »Hier, du musst ihn verstecken!« Nikolaus griff nach der rechten Hand seiner Frau, presste den Brocken hinein und schloss ihre Finger darum. »Ich werde sie ablenken. Vielleicht kann ich ihnen entkommen.« Damit ließ er seine Frau stehen und rannte den beiden sich rasch nähernden Reitern zunächst einige Schritte entgegen. Dann bog er ab und schlug sich in ein Weizenfeld.

 

 

Das Marzipanmädchen

 

„Marie, du bist wieder da!“ Achim Oeverbeck kam auf sie zu und nahm ihre Hände. „Schön, dich zu sehen. Wie war die Reise?“ Er war auf der Hut, das war deutlich zu spüren.
„Gut, danke. Ich habe einen stattlichen Stapel Aufträge mitgebracht. Hoffentlich können wir die überhaupt alle schaffen.“ Sie taxierte ihn und wartete.
„Natürlich, wir haben ja die Maschine. Die treibt unsere Walzen zu Höchstleistungen an.“ Er ließ ihre Hände los und lachte leise, ohne dass seine Augen sich daran beteiligt hätten.


„Gewiss. Und wenn wir die Mahl- und Walzzeiten weiter verkürzen, können wir in noch weniger Zeit noch mehr produzieren. Das habe ich doch richtig verstanden?“
„Ich bin nicht ganz sicher, was du meinst.“ Stocksteif stand er vor ihrem Schreibtisch, hinter dem Marie mit großen Schritten auf und ab ging. Sie bekam keine roten Ohren mehr, weder wenn ihr etwas peinlich war, noch wenn sie sich aufregte. Aber sie musste gehen, sich bewegen. Sie hatte das Gefühl, sonst vor Wut zu platzen.
„Wir können binnen kürzester Zeit riesige Mengen schlechtester Ware produzieren!“ Marie explodierte jetzt förmlich. Ihre Stimme steigerte sich mit jedem Wort, bis sie fast schrie. „Du hast die Produktion beschleunigt, obwohl du wusstest, was das für die Qualität des Marzipans bedeutet, das meine ich.“
„Ich habe womöglich ein bisschen ...“ Weiter kam er nicht.
„Ein bisschen? Jeden Tag ein bisschen mehr! Du hast mich betrogen, Achim Oeverbeck!“


Die beiden standen sich feindselig gegenüber.
„Wie kannst du es wagen!“, zischte er.
„Das fragst du mich?“ Marie hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Zum zweiten Mal an diesem Tag musste sie ihre Wut einem Mann gegenüber beherrschen. Diesmal war es erheblich schwerer als am Bahnhof mit Thomas Hansen.
„Kannst du mir mal verraten, wie wir die Berge Rohmasse herstellen sollen, wenn wir wie früher alles stundenlang mahlen und ganze Tage walzen? Was hätte ich denn tun sollen? Du hast dich ja darauf spezialisiert, in der feinen Gesellschaft Kostproben zu verteilen und Aufträge einzuheimsen. Eine bequeme Arbeit fürwahr!“ Das war typisch für Achim Oeverbeck. Er fühlte sich in die Enge getrieben und ging sofort zum Gegenangriff über. Er dachte nicht einmal daran zu leugnen.
„Es sollte dir nicht entgangen sein, dass ich auch andere Arbeiten verrichte, und zwar bis in die späte Nacht, wenn es sein muss.“ Ihr Ton war jetzt wieder ruh ig und klang dadurch fast noch bedrohlicher als zuvor. „Und von den Bestellungen, die durch meine Arbeit hereinkommen, leben wir. Du genauso wie ich.“
„Natürlich, Marie, so habe ich das doch nicht gemeint. Ich habe größte Hochachtung vor dir, deinem Fleiß und deinem Geschick. Das weißt du.“
Marie wurde übel. Es war immer das Gleiche. Konnte er sie nicht einschüchtern, versuchte er es mit Komplimenten.
„Dies ist der Betrieb meines Vaters, den er schon von seinem Vater übernommen hat. Ich dulde es nicht, dass einer meiner Angestellten mich betrügt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CounterCounter

 

 

 

 

 

Hörbuch Kostprobe:

"Die Bernsteinsammlerin"


Gelesen von Schauspielerin und Sängerin Melanie Manstein.

Gekürzte Fassung, 6 CDs, ca. 400 Minuten,

 

erschienen bei audio media verlag GmbH

ISBN 978-3-86804-529-1

 

        Info